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Geschichten aus der Vergangenheit, Visionen für die Zukunft: „Tre stammers møte“ in Dyrøy

Was passiert, wenn Geschichte, lokales Wissen, junge Stimmen und Visionen für die Zukunft zusammenkommen? Am 25.–26. Juni 2026 wurde Dyrøy/Divrrát/Tyras zu einem Ort des Dialogs über samische, kvenische und norwegische Geschichten, Versöhnung und die Zukunft der nordischen Gemeinden.

Foto: Britt Kramvig

Projektmitglied: Britt Kramvig; Nina Hermansen; Eva Dagny Johansen

Veröffentlicht: 10.08.2026

„Tre stammers møte“

Das zweitägige Seminar„Tre stammers møte“ – Geschichten aus der Vergangenheit, Visionen für die Zukunft brachte Forschende, Vertreterinnen und Vertreter des öffentlichen Sektors, Mitglieder der lokalen Gemeinschaft sowie junge Menschen aus Dyrøy und den umliegenden Gemeinden zusammen, um zu erkunden, welches Wissen nötig ist, um gemeinsame Zukunftsvisionen für die norwegische, samische und kvenische Bevölkerung der Region zu entwickeln.

Ziel war es nicht, nur zurückzublicken. Vielmehr sollte eine zukunftsorientierte Frage gestellt werden:Welches Wissen brauchen wir, um gemeinsame und nachhaltige Zukünfte in der Region aufzubauen?

Ein Ort, geprägt von drei Völkern

Der TitelTre stammers møte– „Die Begegnung der drei Völker“ – hat tiefe historische Wurzeln. Der Ausdruck tauchte bereits im 19. Jahrhundert in historischen Dokumenten und mündlichen Überlieferungen auf und prägt bis heute das Verständnis von Begegnungen zwischen norwegischen, samischen und kvenischen Gemeinschaften in Nordnorwegen.

Doch der Begriff trägt auch schwierige Geschichte in sich. Neben Nachbarschaft, Austausch und Koexistenz stehen Geschichten von Vertreibung, Assimilation, Norwegisierung, kulturellem Verlust und Schweigen.

Dyrøy/Divrrát/Tyras im Herzen von Midt-Troms und die Nachbarkommunen Lavangen/Loabák, Salangen/Siellák und Gratangen/Rivttát sind Orte, an denen diese Geschichte in Landschaften, Ortsnamen, Erinnerungen und Familiengeschichten bis heute präsent ist.

Heute übernimmt die Kommune Dyrøy eine aktive Rolle bei der Versöhnung und beim Umgang mit den Hinterlassenschaften, die von der Wahrheits- und Versöhnungskommission aufgezeigt wurden. Dieses bürgerschaftliche Engagement zeigt sich darin, dass eine Tradition fortgeführt wird, Forschung, öffentlichen Dialog und lokale Gemeinschaften zusammenzubringen – etwa durch Initiativen wie das jährliche Dyrøyseminar. Das machte Dyrøy zu einem besonders bedeutungsvollen Ort für das Seminar.

Arvid Hanssen-Huset in Nordavindshagen, Ort von Tre stammers møte. Foto: Dyrøy kommune

Tag 1 – Donnerstag, 25. Juni: Wissen, Erinnerung und Versöhnung

Nach einer offiziellen Begrüßung durch Bürgermeisterin Marit Alvig Espenes setzte die Künstlerin Trine Strand mit einer Performance einen nachdenklichen Ton, bevor eine Reihe von Vorträgen unterschiedliche Perspektiven auf die Vergangenheit und Zukunft der Region eröffnete.

BIRGEJUPMI, Leiterin von WP6, Britt Kramvig von der UiT, untersuchte die historischen und gegenwärtigen Bedeutungen vonTre stammers møte und forderte die Teilnehmenden heraus zu überlegen, wie das Konzept neue Denkweisen über Zugehörigkeit und gemeinsame Zukünfte fördern oder behindern könnte.

Nina Hermansen / UiT und Eva Dagny Johansen / Alta Museum, beide Mitglieder von WP3 und WP6 in BIRGEJUPMI, präsentierten ihre Arbeit in unserem Projekt zu Landschaft und Ort als Orte der Erinnerung, des Verlusts und möglicher Heilung.

Der Autor Sigbjørn Skåden brachte eine persönliche und literarische Perspektive auf kulturelle Wiederannäherung und den Prozess des Wiedererlangens von Identitäten ein, die unterdrückt oder zum Schweigen gebracht worden waren.

Auch die kommunale Führung spielte eine zentrale Rolle. Bürgermeisterin Hege Myrseth Rollmoen aus Lavangen/Loabák sprach über die Verantwortung der Kommunen, Versöhnung in konkretes Handeln zu überführen. Ihre Kommune entschuldigte sich 2019 bei ihrer samischen Bevölkerung und zeigte damit, wie lokale Versöhnungsarbeit nationalen Prozessen mitunter vorausgehen kann.

Die Botschaft war klar:Versöhnung geschieht nicht nur auf nationaler Ebene. Sie muss auch dort stattfinden, wo Menschen leben, arbeiten, lernen und ihre Familien großziehen.

Von historischem Wissen über gemeinsame Mahlzeiten bis hin zu samischer Präsenz: „Tre stammers møte“ beleuchtete die vielen Arten, wie Kultur, Erinnerung und Identität in Gemeinschaften weiterleben. Foto: Britt Kramvig

Junge Menschen fragen: Was müssen wir wissen?

Einer der eindrucksvollsten Momente des Seminars kam von den jungen Menschen der Region.

Rebekka Brox Liabø und der örtliche Jugendrat präsentierten Visionen junger Menschen für die Zukunft sowie ihre Überlegungen dazu, was sie wissen müssen, um diese Zukunft mitzugestalten. Vor dem Seminarvortrag hatten Rebekka und Britt sich mit der Jugend getroffen, um Methoden zu entwickeln, wie sich herausfinden lässt, was sie wissen müssen, um der Zukunft kompetent und sicher entgegenzutreten.

Ihre Botschaft war deutlich: Sie lernen nicht genug über die Geschichte ihrer eigenen Region, insbesondere über ihre samischen und kvenischen Dimensionen.

Das ist mehr als eine Frage des Lehrplans. Es ist eine Frage von Identität, Zugehörigkeit und der Fähigkeit, den Ort, den man Heimat nennt, zu verstehen.

Die Diskussion führte sofort zu einer Reaktion seitens der Lokalpolitik, die sich verpflichtete, das Thema weiterzuverfolgen und daran zu arbeiten, die mehrsprachige und multikulturelle Geschichte der Region in der lokalen Bildung zu stärken.

Dies war ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie generationenübergreifender Dialog in konkreten politischen Schwung münden kann.

 

Sprich für dich selbst! Methode

Der Beitrag der Jugend beruhte auf derSnakk for deg sjøl! – Sprich für dich selbst!-Methodik, entwickelt von Rebekka Brox Liabø.

Der Ansatz versteht die Stimmen junger Menschen nicht einfach als etwas, das trainiert oder verbessert werden muss, sondern als etwas, das bereits demokratischen Wert besitzt.

Durch Schreiben, Erzählen, künstlerische Darbietungen und kreative Übungen erhalten junge Menschen Raum, Erfahrungen, Identitäten und Beziehungen zu erkunden. Die Methodik schafft einen niedrigschwelligen Rahmen, in dem Rechtschreibung, Handschrift oder frühere Schulerfahrungen nicht darüber entscheiden, wessen Stimme zählt.

Wichtig ist, dass die Vergangenheit nicht als etwas behandelt wird, das die Zukunft eines Menschen festschreibt. Stattdessen können junge Menschen Erfahrungen durch kreativen Ausdruck neu betrachten, umformen und ihnen neue Bedeutung geben.

Beim Seminar eröffnete dieser Ansatz einen wichtigen Raum für junge Menschen, um auszudrücken, was sie wissen, was sie nicht wissen – und was sie erben müssen.

Rebekka Brox Liabø entwickelte die Methodik „Snakk for deg sjøl! – Speak for Yourself!“. Foto: Britt Kramvig

Geschichten, die gehört werden sollten

Am Nachmittag ging es mit einem moderierten Gespräch über verborgene und unter der Oberfläche liegende Erzählungen in der Region weiter.

Welche Geschichten wurden nie öffentlich erzählt? Welche Erinnerungen blieben innerhalb von Familien und Gemeinschaften? Und was geschieht, wenn diese Geschichten endlich Raum bekommen?

Am Abend wurde die Schule Elvetun zur Bühne fürJordmoder Marie Magdalena / Kvenmarja– eine Erzählperformance von und mit Trine Strand.

Die Aufführung spielte im Jahr 1835 und folgte einem kvenischen Mädchen beim Erwachsenwerden in einer nordischen Landschaft, die von Begegnungen zwischen drei Völkern geprägt ist. Auf Grundlage lokaler historischer Quellen verlieh die Aufführung vielen der tagsüber behandelten Themen eine künstlerische und verkörperte Form.

 

Tag 2 – Freitag, 26. Juni: Landschaft, Erinnerung und Geschichten

Am zweiten Tag verlagerte sich der Schwerpunkt des Seminars – von historischer Aufarbeitung hin zuLandschaft, traditionellem Wissen und Zukunftsmöglichkeiten. Die Frage war ebenso praktisch wie ökologisch: Wie können ortsgebundenes und indigenes Wissen kreativ und verantwortungsvoll mobilisiert und so zu lebendigen Ressourcen für die nachhaltige Entwicklung nordischer Gemeinschaften werden?

Margrethe Figved vom Bauernhof Steinbakken machte die Teilnehmenden mit lokalen Pflanzen als Nahrungs- und Heilquellen vertraut und teilte Wissen, das aus Generationen genauer Beobachtung der nordischen Landschaft hervorgeht.

Die Historikerin Lill Karin Elvestad untersuchte das vielschichtige kulturelle Erbe der Region und das Verhältnis zwischen Landschaft und Identität.

Bjørn A. Berg stellte Forschungen zumstivandring– langsamen Gehen – vor, als Möglichkeit, das ökologische Bewusstsein zu vertiefen und nachhaltigere Formen des erlebnisorientierten Tourismus zu entwickeln.

Die Diskussion warf auch wichtige praktische Fragen dazu auf, wie Besucherinnen und Besucher sich verantwortungsvoll in Landschaften bewegen können, einschließlich der Notwendigkeit von Informationen über saisonale Empfindlichkeiten und die entlang markierter Wege lebenden Arten.

Lernen durch Gehen

Am Nachmittag verlegten die Teilnehmenden das Gespräch nach draußen. Ein von Margrethe Figved geleiteter Rundgang brachte die Gruppe in direkten Kontakt mit den Kräutern, essbaren Pflanzen und Geschichten der Landschaft von Dyrøy. Er war eine körperlich erfahrbare Fortsetzung des zentralen Themas des Seminars: Wissen ist nicht nur etwas, das man in Büchern oder Vorträgen findet. Es kann auch in Landschaften, Praktiken, Erinnerungen und Beziehungen getragen werden.

Das Seminar endete mit einem gemeinsamen Essen auf Basis lokaler Produkte, gefolgt von zusammenfassenden Reflexionen von Tarja Salmela (Projekt Travelling Post-Corona / UiT).

Forschung zu den Menschen

Über die beiden Tage hinweg zeichnete sich ein gemeinsamer roter Faden ab. Kulturerbe, die Revitalisierung von samischer und kvenischer Kultur, Versöhnungspolitik und nachhaltige ländliche Entwicklung werden oft getrennt diskutiert. In Dyrøy wurden sie Teil desselben Gesprächs. Das Seminar zeigte, wie sich diese Bereiche gegenseitig stärken können und wie Forschung besonders wirksam wird, wenn sie mit den Orten und Menschen verbunden ist, die sie betrifft.

Beide Tage hindurch stand eine tiefere Frage im Raum: Wie können traditionelles und lokales Wissen – samisches, kvenisches und norwegisches gleichermaßen – nicht nur als zu bewahrendes Erbe, sondern als lebendige Ressource mobilisiert werden, um nordische Zukünfte zu entwerfen und aufzubauen? Und wie kann der von der Wahrheits- und Versöhnungskommission geforderte Versöhnungsprozess von der nationalen Politik in die alltägliche Struktur des lokalen Gemeindelebens übergehen?

Eine teilnehmende Person beschrieb die Veranstaltung als ein Beispiel für „Forschung für die Menschen“: Forschung, die in lokalen Gemeinschaften verwurzelt ist, auf offenem Dialog und gemeinsamen Fragen beruht.

Das könnte letztlich eines der wichtigsten Ergebnisse vonTre stammers møte.

Das Gespräch geht weiter

Das zweitägige Seminar fühlte sich nicht wie ein Ende an.

Stattdessen äußerten Teilnehmende und Publikum den starken Wunsch, das Gespräch fortzusetzen und zu erweitern – möglicherweise in einem zukünftigen Seminar mit einem breiteren Spektrum von Gemeinden in ganz Midt-Troms.

Es gibt noch viel zu erkunden: Geschichten, die noch nicht erzählt wurden, Wissen, das revitalisiert werden muss, junge Menschen, die ein umfassenderes Verständnis ihrer Heimatregion wünschen, und neue Wege, nachhaltige nordische Zukünfte zu denken.

Die zwei Tage in Dyrøy erinnerten eindrucksvoll daran, dass Versöhnung ein Prozess ist und kein einzelnes Ereignis.

Und vielleicht ist der beste Weg nach vorn genau das, was hier geschah: Menschen zusammenzubringen, aufmerksam zuzuhören, Wissen zu teilen und Raum für neue Geschichten und neue Visionen zu schaffen.

In den Medien

Auch in der lokalen Presse fand das Seminar Beachtung. Lesen Sie mehr über „Tre stammers møte“ und die Gespräche über Versöhnung, lokale Geschichte und die Zukunft der Region:

https://www.folkebladet.no/nyheter/n/m08jaq/tre-stammers-moetes-her-blir-det-to-dager-med-dialog-og-seminarer

Seminar: «Tre stammers møte»

https://www.linkedin.com/posts/velkommen-til-seminar-tre-stammers-m%C3%B8te-share-7472197004023222272-HEqA/

 

Literaturverzeichnis

Stien, K., Kramvig, B. & Brox Liabø, R. (2015). „To be or not to be: når å skrive er å skrive seg inn i et fellesskap“. In Otterstad, A. M. & Reinertsen, A. (Hrsg.), Metodefestival og øyeblikksrealisme.

Die Autor:innen danken dem Institute of Advanced Study der Durham University sowie einer Folgeförderung des Durham University Research Impact Funds für Unterstützung.

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